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Donnerstag, 10.07.2008
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Nach der etwas unruhigen Nacht schlafen wir
ein bisschen länger und sind deshalb erst gegen elf im schönen
Rothenburg ob der Tauber. Bevor wir ans Musizieren
denken können, brauchen wir erstmal einen Kaffee und was zu Beißen, also ab
zum nächsten Bäcker. Die Stadt wirkt bis auf einige versprengte Japaner
verschlafen und wir können uns in Ruhe in den kleinen Gässchen umsehen.
Schnell wird klar, dass auch hier nur wenige Plätze für unser Vorhaben infrage kommen. Positiv ist, dass wir keinen anderen Straßenmusikanten
entdecken können, was aber auch ein Indiz dafür sein könnte, das die Stadt
solcherlei Umtriebe nicht gern sieht. Diese Befürchtung bestätigt sich aber
dann doch nicht. Wir holen das Äkwippment aus dem Auto und lassen uns direkt
auf dem Marktplatz nieder. So langsam drängen auch die Touristen durch die
Gassen und Plätze und der Markt erweist sich als gute Wahl. Hübsche
Begebenheit am Rande: Ein Pärchen kommt lachend auf uns zu und singt
beigeistert mit. Es stellt sich heraus, dass die beiden uns in Rudolstadt
gehört hatten und wir haben sofort wieder so ein warmes Gefühl im Bauch. Zum
Nachmittag ziehen wir noch mal an den Marktbrunnen um und haben gegen 15.00
Uhr zumindest zwei ZehDehs verkauft und ordentliche Münze im Hut. Bevor wir
weiter nach Würzburg aufbrechen, gibt uns eine nette Rothenburgerin frisch
gepressten Apfelsaft aus. Der schmeckt außergewöhnlich gut und sichert uns
die Vitaminversorgung für eine ganze Woche.
In Würzburg kommen wir gegen 16.00 Uhr an
und finden zunächst keine Stelle, die uns wirklich gefällt. Der Ober- und
Untermarkt sind zwar voller Menschen, das Ambiente jedoch ist laut und für
unsere akustische Musik nicht geeignet. Eine nette Zeitungsverkäuferin
empfiehlt uns die alte Brücke zum Dom. Auf der finden wir ein kleines
Kneipchen mit Blick auf den Main und den Dom und beschließen, dass dies
unsere Würzburger Bühne sein soll. Der Wirt hat nichts gegen Musik, die
Gäste anlockt, also dürfen wir auch spielen. Die Resonanz ist bei den ersten
Titeln dürftig, irgendwie brauchen die Leute immer eine gewisse Zeit, um
sich einzulassen. Dann aber bleiben doch einige stehen, das Kneipchen füllt
sich und unser Hut auch in Maßen. Wir müssen unser Programm zwangsweise
unterbrechen, als eine Wespe Micha erfolgreich attackiert. Zwiebelsaft aus
der Küche hilft und wir spielen bis gegen sechs. Da die Sonne scheint und
unsere Kehlen brennen, müssen wir den Durst mit einem kühlen Bierchen stillen und nutzen die
Gelegenheit, unsere daheim gebliebene Wetter-Fee Ulli zu befragen, wohin uns
Petrus am nächsten Tag schickt. Petrus ist ambivalent, also beschließen
wir, unserer geplanten Route rückwärts zu folgen. Wir schaffen es gerade so,
um kurz vor acht bei Lidl noch Verpflegung zu fassen, und und verlassen
Würzburg in Richtung Wertheim. Dort finden wir einen lauschigen Birkenhain
mit Blick ins Tal. Aus den Erfahrungen der ersten Nacht haben wir gelernt,
also bauen wir auch unser Zelt auf, damit der lange Frank sich ausstrecken
kann. Bei der Hutzählung stellt sich heraus, dass wir den Verlust vom Vortag
wieder eingespielt haben und sogar über eine kleine Reserve verfügen und
sind mit unserem Tagwerk zufrieden.
Freitag,
11.07.2008
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06.00 Uhr grollt und donnert es so beängstigend, dass wir unsere Zelte
in Rekordzeit abbrechen und zum nahe gelegenen Autohof fahren. Freitags wird
ja bekanntlich gebadet, also löhnen wir Hutgeld für die Trucker-Dusche und
gönnen uns einen Kaffee nebst Bockwurst. Trotz dieser Bescheidenheit löst
sich unsere Reserve vom Vortag bis 07.00 Uhr so ziemlich in Luft auf. Ab
nach Wetzlar. Ein wunderschönes (Alt)-
Städtchen mit vielen Plätzen, die wie geschaffen für uns sind. Aber
irgendwie sind keine Leute da. Die Kellnerin im Café erklärt uns, dass
Wetzlar eben unberechenbar sei. Weil wir unsere Zeit nicht damit vertun
wollen, auf Publikum zu warten, machen wir uns auf den Weg nach Limburg und
freuen uns, dass uns das Gewitter so früh aus den Federn geworfen hat. So
haben wir zumindest nicht viel Zeit verdröselt.
Limburg kannten wir schon von unserem Besuch
bei der Sängervereinigung Bleidenstadt, also konnten wir uns einigermaßen
zielgerichtet am oberen Ende des Marktplatzes niederlassen. Bis 14.00 Uhr
musizieren wir vor ordentlich Laufpublikum, aber im Hut passiert nicht all
zuviel. Also setzen wir um in die Einkaufspassage. Dort sind keine Touristen zu
finden, sondern Limburger und Randlimburger, welche uns auf eine Art anschauen,
die an jedem Ego kratzt. Der gegenüberliegende Juwelier schließt flugs die bis dahin offene
Tür und wir brauchen wieder drei Lieder, um die Leute aus der Reserve zu
locken. Aber es funktioniert: der Juwelier öffnet wieder seine Tür, die
Inhaberin des Blumengeschäfts schmeißt Münzen in den Hut und freut sich
offen über unsere Musik und so langsam kriegen wir auch die Limburger.
Fazit: Schwerstarbeit mit mäßigem Erfolg.
Also weiter nach Frankfurt am Main. Was für
ein Kontrast: von Limburgs Beschaulichkeit in die Bankenmetropole
Deutschlands. Wenn man vor den Baugiganten der Banken steht kann man sich
des Eindrucks nicht erwehren, dass es hier nur um die Frage geht, wer den
Längsten hat... nun denn. Wir erwischen einen einheimischen Opa, der uns sehr
beflissen
Auskunft gibt, wo man das alte Frankfurt findet und es sich lohnt,
Musik zu machen. Natürlich auf dem Römer! Von der Mitte des Platzes besingen
wir Einheimische und Touristen und werden in unzumutbar-japanischer Art
reihenweise fotografiert. So etwas kannten wir bisher noch gar nicht und
auch wenn es anfänglich noch amüsiert, nervt es einen irgendwann. Wir
beschließen deshalb, uns zukünftig mit Hinweisschildern auf Japanisch
auszurüsten, auf denen die Staffel-Preise für jegliche Art Fotos (5 Euro
aufwärts!) ausgewiesen sind. Wir verkaufen unsere Erste ZehDeh erstmals ins
Ausland: eine englische Familie bekennt glaubhaft, dass sie unsere Musik
mag. Vom Römer aus ziehen wir weiter zur Zeil, wo wir direkt vor einem
Kaufhaus musizieren. Bis dahin der unromantischste Ort unserer Tour, und der
sollte es auch bleiben.
Wieder schaffen wir es erst kurz vor Ladenschluss, uns mit Speis und Trank zu
versorgen. Rein wirtschaftlich endet der Tag für uns schlechter, als er
begonnen hat. Die Reserven sind aufgebraucht; uns bleiben gerade mal 4 Euro.
Am Waldrand in der Nähe von Fischbach schlagen wir unser Nachtlager auf und
fallen mit einem Kopf voller Eindrücke um.
Samstag,
12.07.2008
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Unser letzter Tag, da wir am Montag leider keinen Urlaub mehr haben, also wieder (richtig) arbeiten und den
Sonntag für die Rückfahrt einplanen müssen. Obwohl Köln auf dem Plan stand,
haben wir uns für Düsseldorf entschieden. Als
wir gegen 12.00 Uhr in der Altstadt ankommen haben wir den Eindruck, dass
die Leute noch vom Freitag da sind. Wir gönnen uns ein Bier und der Wirt
führt uns in die Geheimnisse der Düsseldorfer Szene ein. So erfahren wir zum
Beispiel, dass es sich nicht lohnt, vor 14.00 Uhr und nach 19.00 Uhr zu
musizieren, und dass man das viele Kleingeld (...mindestens 40 Euro die
Stunde...") in den Kneipen wechseln kann, die dafür immer Bedarf haben.
Vorweggenommen: beides stimmt nicht ganz. Zumindest in unserm Fall.
Was uns bei der Suche nach geeigneten Plätzen zuerst auffällt, ist der
sportlicher Wettbewerb zwischen den Straßenmusikanten. Jeder versucht, das
beste Plätzchen zu erwischen und notfalls wird schon mal am Pegel gedreht,
um die Konkurrenz zu verscheuchen. Aber diesen Druck halten unsere
Instrumente und Stimmen für gewöhnlich aus. Zu schaffen macht uns lediglich
der immer wieder mal einsetzende Regen, da die "wasserdichten" Plätze rar
sind. Auf unserer Tour durch die Altstadt gelangen wir schließlich zum
Burgplatz, wo wir uns vor einem leer stehenden Geschäft niederlassen, dessen
ehemaliger Eingang unsere Instrumente vor Regen schützten kann. Also ein
idealer Platz für Wechselwetter. Es gibt hier auch keine störenden
Mitmusikanten, lediglich ein Kunde liegt zwei Eingänge neben uns und ist
damit beschäftigt, einen Einkaufswagen voller Bier zu vernichten, wobei er
sein Tun für die vorbeilaufenden Passanten gelegentlich laut kommentiert.
Aber auf die Entfernung stört uns das wenig. Wir schmettern los und schon
kommt unser bierseliger Nachbar mit seinem Einkaufswagen zu uns kuscheln.
Was für ein Bild: wir biederen Freizeitmusikanten singen alte Kundenlieder,
derweil neben uns das wirkliche Leben stattfindet. Die paradoxe Situation
erreicht ihren Höhepunkt, als unser Kunde etwas Silbergeld in den Hut
wirft, bevor er sich direkt neben uns häuslich niederlässt und in einem
Affentempo seine Biervorräte schrumpfen lässt. Da erblassen selbst wir als
ausgesprochene
Bierliebhaber. Die Passanten werden schnell zum Publikum, aus
wenigen wird eine Menschentraube und das ganze Szenario ist für die Zuhörer
wahrscheinlich unheimlich amüsant.
Nach einer halben Stunden trollt sich unser Kunde, weil die Münzen des
Publikums in unserem Hut landen und nicht bei ihm. Die Zuhörer bleiben, sind
überaus sangesfreudig und wohlwollend. Weil
man ein funktionierendes System nicht wechseln soll, bleiben wir an dem
Fleckchen, bis uns ein gigantischer Umzug von Schützenvereinlern zu Pferde
und auf Socken vertreibt. Schlussendlich spielen wir ein letztes mal in der
Wallstraße vor einer schönen alten Gaslaterne und haben auch da viele und
nette Zuhörer. Gegen 19.00 Uhr tritt die Prophezeiung des Wirts ein: der
Lärm nimmt Ausmaße an, die akustische Musik unmöglich machen. Also suchen
wir uns eine kleine Pizzeria, da es heute mal kein Essen aus dem SB-Markt
geben soll, vielmehr laben wir uns an einer Steinofenpizza und einem kühlen
Bier. So langsam sackt der ganze Tag und wir stellen fest, dass wir zwar
ordentlich verdient, aber dafür auch schwer geackert haben.
Wir sehen zu, dass wir aus dem Hexenkessel der Düsseldorfer Altstadt
rauskommen, versorgen uns noch mit flüssiger Nahrung und flüchten an die
Rheinauen, wo wir nahe Delhofen im Tannenbusch bei einem Waldgasthaus
Unterschlupf finden. Als wir zur Ruhe kommen und den Tag auswerten und
nachklingen lassen, tönt aus dem Wald unheimliches Geräusch. Wir wissen
nicht, was da wohnt, aber solche tierischen Laute haben wir noch nie gehört.
Aber da auch das unbekannte Wesen irgendwann einschläft und Ruhe gibt,
grunzen wir tief und fest bis zum Morgen.
Sonntag,
13.07.2008
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Hier gibt es nicht mehr viel zu erzählen. Wir starten gegen neun in
Richtung Heimat, verfrühstücken an einem Rasthof die noch verbliebenen
überschüssigen Gelder und geben die letzten Münzen bei McDonalds in Gera
aus. Punkt zwei landen wir wieder in unserem schönen Dresden.
Unser Fazit:
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Musikalisch waren es vier anstrengende, aber auch sehr lustige Tage. Wir
haben unsere Spielfreude nicht verloren und auch nicht bereut, uns auf den
Weg begeben zu haben. Und schließlich war es eine gigantische Live-Probe,
deren Erfolg sich später zeigen wird.
Rein wirtschaftlich betrachtet: Wären wir gelaufen oder irgendwo
mitgefahren, hätten wir von unserer Musik gut leben können. Ohne Diesel war
die Sache ein Null-Summen-Spiel, wobei sich die Ausgaben in folgender
Reihenfolge staffeln:
1. Bier
2. Parken
3. Essen
4. Hygiene.
Hier noch einige Zahlen: Wir sind
1818 Kilometer gefahren, haben in sechs Städten ca. 8 Stunden musiziert und
mussten je Tag zwei Stunden für unseren Lebensunterhalt arbeiten.
Wir haben zwar nur vier Tage als
Wandermusikanten gelebt, wollen aber trotzdem unsere Erfahrungen an evtl.
Nachahmer weitergeben, damit Ihr nicht die selben Fehler macht. Also hier
Unsere Tipps für solcherart Straßenmusik:
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1. Ihr könnt Geld
sparen und somit wahrscheinlich auch ordentlich verdienen, wenn Ihr
-
aufs Auto verzichtet und per Anhalter fahrt oder wirklich wandert, das spart
Diesel
und Parkgebühren
- das
Hutgeld nicht gleich wieder in der nächsten Kneipe umsetzt (war für uns aber
unverzichtbar!)
2. In kleineren
Touristenstädtchen sollte man zwischen 11.00 und 17.00 Uhr sein Heu rein
haben; in großen Städten ist ab 19.00 Uhr Party-Lärm, also auch Ende.
3. Erkundet vorher
die Plätzchen, wo Ihr musizieren wollt. Achtet auf den heimischen
Wettbewerb (der weiß, was läuft) und beobachtet die Laufwege der Passanten.
4. Macht keinen zu
professionellen Eindruck, das Publikum denkt sonst, die Stadt hätte
Euch
zur allgemeinen Unterhaltung engagiert ("...gestern waren die Don-Kosaken
da, die
waren
auch ganz gut...")
5. Nie fragen, ob
man an diesem oder jenem Ort musizieren darf, sondern frisch drauf
losspielen. Grenze: wenn man andere stört. Solltet Ihr Ordnungshüter sehen,
lacht sie
freundlich an. Meist sind es Politessen, und die können Musikern auch nur
schwer
widerstehen.
6. Ignoriert
mitleidige Blicke, Arroganz, Hunde, Kunden und aufdringliche Zuhörer.
7. Zieht Euer
Programm durch; es ist kaum berechenbar, bei welchem Titel Ihr die Leute
kriegt. Es ist schwer, die Passanten zu fangen, da die ja irgendein anderes
Ziel haben
und
Ihr auf einmal im Wege seid. Wenn sie dann schon stehen bleiben, müsst Ihr
das
gebührend honorieren und die Menschen ansingen. Die meisten bleiben dann.
8. Fertigt Euch
ein Schild an, auf dem in Japanisch die Preise für Fotos stehen. Das
haben
wir selbst zwar noch nicht ausprobiert, finden es aber angemessen, notwendig
und
witzig.
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